Dissertationsprojekt Tobias Schmid
fud und zers / con und vit: Die Repräsentation der Geschlechtsteile in der mittelhochdeutschen und altfranzösischen Kleinepik. Eine komparatistische Studie
Fach: Romanistik und Germanistik
Betreuer: Prof. Dr. Florian Mehltretter, Prof. Dr. Michael Waltenberger
Das Dissertationsprojekt widmet sich den Texten der altfranzösischen und mittelhochdeutschen Kleinepik, die in diesem Gattungsspektrum eine Randgruppe darstellen, weil sie von Geschlechtsteilen handeln. Das Ziel dieser dezidiert komparatistisch angelegten Arbeit ist es, die Darstellung der Geschlechtsteile in der romanischen und germanischen mittelalterlichen Kleinepik qualitativ zu untersuchen. Besonderes Augenmerk soll zum einen darauf liegen, wie die Geschlechtsteile repräsentiert werden, bezüglich ihrer historischen Semantik, ihrer Deskription und ihrem multidimensionalem Narrativ. Bezüglich der Repräsentation muss geklärt werden, ob die Geschlechtsteile explizit beschrieben oder verhüllt dargestellt werden. Die in der Verhüllung entstehenden Metaphern entfachen ein Spiel zwischen dem Signifikat und seinen Signifikanten, was u.a. zur Komik führt. Bezüglich der Metaphorik in den Texten soll auf Roland Barthes (v.a. L’Aventure sémiologique) zurückgegriffen werden. Die resultierende Komik von solchen Texten verfolgt – so die These der Arbeit – auch andere Ziele: Der Tabubruch dient neben der Ergötzung der Rezipierenden auch der Kritik (z.B. der Lüsternheit der weltlichen Repräsentant*innen der Kirche, der weiblichen Trieblust, dem zur Schau stellen von Dummheit, die in manchen Kontexten auf den nicht-adligen bzw. bäuerischen Stand zurückzuführen ist, usw.). Es sind darüber hinaus andere Effekte als Komik in den Texten vorzufinden, die auf subversive Momente, das Stören der Ordnung oder auch eine subversive Ordnungskritik zurückgeführt werden können. Zum anderen sollen die Kontexte, in denen sie vorzufinden sind, genau überprüft und die ihnen zugeschriebene Bedeutung herausgearbeitet werden. Der übergeordnete Fokus besteht im Aufzeigen von Gemeinsamkeiten und/oder Unterschieden in den jeweiligen Texten bezüglich der Geschlechtsteile, weshalb für jede herausgearbeitete Kategorie Texte der romanischen und Texte der germanischen mittelalterlichen Kleinepik herangezogen und einander vergleichend gegenübergestellt werden. Diese herausgearbeiteten Kategorien verbinden die ausgewählten Texte in Bezug auf die Repräsentationen der Geschlechtsteile.
Der Fokus der Arbeit soll nicht nur ausschließlich auf dem weiblichen Geschlechtsteil liegen. Es sollen das männliche und das weibliche Geschlechtsteil – sofern dies möglich ist – in einer ausgewogenen Proportionierung verglichen werden. Dies soll auf einer Metaebene den Vergleich zwischen der Repräsentation und der (Be)Deutung der Geschlechtsteile ermöglichen (z.B.: Liegt eine Präferenz für eine belebte oder unbelebte Metaphorik für das männliche/weibliche Geschlechtsteil vor? Erfährt eines der Geschlechtsteile eine präferierte Verwendung in der Anthropomorphisierung? Usw.) und auch die Möglichkeit bieten, Unterschiede zwischen den altfranzösischen und mittelhochdeutschen Texten diesbezüglich festzustellen. Das Textkorpus besteht des Weiteren aus Texten, die von der Forschung wenig bis kaum beachtet worden sind. Durch diese Arbeit sollen schlussendlich Texte ihren Weg in den Forschungsdiskurs erhalten, denen zuvor nur marginale Beachtung verliehen worden ist. Es werden zudem die analysierten Fabliaux in Gänze in deutscher Sprache übersetzt.
Mittels Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation und Hans-Peter Duerr, Der Mythos vom Zivilisationprozeß werden u.a. die Themen der Körperlichkeit und Sexualität sowie das Schamgefühl und das Peinlichkeitsempfinden theoretisch fundiert.
In meinem Dissertationsprojekt soll zudem der Versuch einer Definition der pornographischen Literatur unternommen werden, die bis dato kontrovers diskutiert wird. Der Begriff des Versuchs erhält dadurch seine Legitimität, da mit Rückgriff auf Hecken, Gestalten des Eros. Die schöne Literatur und der sexuelle Akt (1997) keine gegebene Objektivität in Bezug auf die Wirkung des Erotischen festgestellt werden kann. Dies führt letzten Endes dazu, dass die Kategorisierung eines Textes als pornographisch von der reinen Nennung des Geschlechtsaktes oder der Geschlechtsteile bis hin zu einer stimulierenden Darstellung des Geschlechtsaktes ausschert. Diese terminologische Ungewissheit führt zu einer mehr oder weniger willkürlichen Verwendung dieses Begriffs, der zum Teil (ab)wertend verwendet wird, was wiederum eine philologische Auseinandersetzung mit Texten, die von Geschlechtsteilen handeln, erschwert. In diesem Versuch einer Definition, die keineswegs Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt, soll der Begriff des Pornographischen in Bezug auf die Literatur – allen voran der Literatur des Mittelalters – klar definiert werden. Diese Definition soll rein deskriptiver Natur und dadurch keineswegs wertend oder auch herabstufend sein. Es soll ebenfalls versucht werden, den Begriff der Obszönität, der weiterhin nicht auf Konsens stößt, zu definieren, wobei ebenfalls kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben wird. Die Begriffe der Pornographie und der Obszönität sollen somit nochmals auf ihr Aufschlusspotenzial überprüft werden. Es sei noch angemerkt, dass diese terminologische Ungewissheit kein Defizit der Forschung darstellt, sondern symptomatisch für einen prekären Bereich der Kultur ist. In dieser Arbeit soll der Umgang mit der Terminologie reflektiert und die Diskussion über die Begriffe, die ambig sind, aufgenommen werden. Anhand einer historisch kontrollierten philologischen Arbeit sollen schlussendlich die Begriffe der Pornographie und der Obszönität präzisiert werden.
Es ist zusammenfassend festzuhalten, dass ich in meinem Dissertationsprojekt den Versuch einer Pornographie- und einer Obszönität-Definition für die mittelalterliche Literatur, um eine willkürliche Verwendung dieser Begriffe zu vermeiden, aufstellen werde. Ich werde eine dezidiert komparatistische Analyse von romanischen und germanischen Texten der mittelalterlichen Kleinepik, die von Geschlechtsteilen handeln, durchführen, wobei ich Kategorien als Vergleichsgegenstand aufstellen werde, um eine qualitative Analyse der Textpaare mit besonderer Berücksichtigung der Repräsentation und (Be)Deutung der Geschlechtsteile im Textkorpus zu ermöglichen. Ich werde zu guter Letzt einen Vergleich der Ergebnisse der Analysen innerhalb der Textpaare und auf einer Metaebene zwischen der romanischen und germanischen mittelalterlichen Kleinepik ziehen und darüber hinaus die Fabliaux in Gänze übersetzen.