Internationales Doktorandenkolleg Philologie
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Dissertationsprojekt Marco Pouget

Philologische Praktiken der Östlichen Han-Zeit. Zheng Xuans 鄭玄 Kommentar zum Liji 禮記

Kommentare zu den (chinesischen) Klassikern wurden und werden häufig als Hilfsmittel verwendet, um das Verständnis der Texte, an die sie sich anfügen, zu befördern. Wenn ein Kommentar unsere Auffassung einer Stelle unterstützt oder sich in unser Bild des Textes einfügt, folgen wir der vom Kommentar angedeuteten Lesart. Wenn uns der Kommentar jedoch unverständlich oder unpassend erscheint, entscheiden wir uns dazu, ihn zu übergehen. So hilfreich dieser Ansatz für unsere eigene Interpretation sein mag, wirft diese Methode doch Probleme auf: Kommentare entspringen einem individuellen Verständnis dessen, was ein Text benötigt, um verstanden zu werden, welche Zielgruppe angesprochen werden soll, und welche Anforderungen diese stellt, sowie welche Rolle der Klassiker vor dem Hintergrund seiner Zeit spielte. Aus einer Schrifttradition auszuwählen und dabei die vielfältigen Einflüsse, die im Diskurs des Kommentars zum Tragen kommen, zu übergehen, bedeutet nicht nur nicht zur Kenntnis zu nehmen, warum der Kommentar so lautet, wie er lautet, was potenziell zu einem besseren Verständnis des Klassikers führen könnte. Es besteht auch die Gelegenheit, nachzuvollziehen, was den Kommentar motivierte, welche Bedürfnisse und Vorannahmen darin zum Tragen kamen, und mittels welcher Techniken der Kommentar seine Ziele erreichte.

Mein Projekt soll diesen selektiven Ansatz umkehren, und einen exemplarischen Kommentar um seiner selbst willen als Quelle wahrnehmen. Der zhu 注-Kommentar („Einfüllungen“) zu den Notizen zur Sittlichkeit (Liji 禮記) repräsentiert die spezifische Perspektive des Gelehrten, Lehrmeisters und Kommentators Zheng Xuan 鄭玄 (127-200 u. Z.) der Östlichen Han 漢-Zeit (25-220 u. Z.), vor dem Hintergrund seiner Epoche, sowie mit einer bestimmten Zielgruppe vor Augen. Zheng Xuans Kommentar ist die früheste fassbare Schicht in der Stratographie der Tradition der Notizen zur Sittlichkeit, und trug in vielerlei Hinsicht zu einer philologischen Stabilisierung und (prä-) exegetischen Erschließung dieses Textes und des umgebenden Kanons bei. Vom Aufzeigen intertextueller Verknüpfungen und Notieren von Varianten im Wortlaut des Textes, bis hin zum Zusammenfassen von Passagen, verwendet Zheng Xuan ein Arsenal von Techniken, um seine Leserschaft durch den Text zu führen. Es sind diese Techniken und die ihnen zugrundeliegenden Motive, die ich nachvollziehen, beschreiben, und analysieren möchte: Was tut der Kommentar, wie, und warum?

Ich möchte aufzeigen, dass Zheng Xuans Kommentar nicht (nur) ein nützliches Werkzeug ist. Er kann unerwartete Wendungen in den „Haupttext“ einbringen, eigenwillige Blickwinkel einnehmen, oder gar die Komplexität erhöhen, anstatt den Text leichter verständlich zu machen. Innerhalb der Texttradition vollzieht sich somit ein Diskurs, in den sich der Kommentator mit seiner eigenen Stimme und Agenda einschaltet, die nunmehr untrennbar von den Notizen zur Sittlichkeit geworden ist. Besonders im Hinblick auf den anhaltenden Einfluss dieses Textes auf die chinesische Geistesgeschichte bis heute, verdient der Kommentar daher ebenso eine weitere Erschließung, sowohl in Bezug auf die von ihm verwendeten philologischen Praktiken als auch den Akt der Vermittlung zwischen Menschen und Texten, die er unternimmt.

Betreuer: Prof. Dr. Michael Lackner (FAU) und Prof. Dr. Hans van Ess (LMU)