Internationales Doktorandenkolleg Philologie
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Dissertationsprojekt Audrey Harris-von Tschirschnitz

Singing Shapes, Shaping Language: Origins and Dissemination of Sacred Harp Singing in the Southern
United States

Fach: Musikologie

Betreuerin: Prof. Dr. Irene Holzer


Diese Dissertation untersucht, wie die Shape-Note-Notation zur Entwicklung einer eigenständigen musikalischen Sprache in der frühamerikanischen Hymnodie beitrug. Im Mittelpunkt steht The Sacred Harp (1844) sowie die daraus hervorgegangene Tradition. Das Projekt verortet das Sacred-Harp-Singen, das häufig als genuin amerikanisches Phänomen betrachtet wird, in einem breiteren transatlantischen Zusammenhang. Obwohl die Tradition im südlichen der
Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts entstand, reichen ihre musikalischen und notationalen Wurzeln in frühere europäische Kirchengesangspraktiken zurück – ein Zusammenhang, der bislang kaum systematisch erforscht wurde. Die Shape-Note-Notation, gekennzeichnet durch verschieden geformte Notenköpfe, die mit Solmisationssilben verbunden sind, wurde häufig als rein pädagogisches Hilfsmittel interpretiert. Diese Studie schlägt stattdessen vor,
Shape Notes als eine grundlegende sprachliche Verschiebung innerhalb der musikalischen Praxis zu verstehen. Indem sie die Art und Weise veränderte, wie Sängerinnen und Sänger Musik lasen und verinnerlichten, förderte diese Notation neue harmonische und stilistische Idiome, darunter fuging tunes und parallele Stimmführung, die die amerikanische Shape-Note-Hymnodie deutlich von ihren europäischen Vorläufern unterscheiden. Das Projekt schließt eine wesentliche Forschungslücke: die fehlende Verbindung zwischen europäischen Gesangbüchern des 17. Jahrhunderts, frühamerikanischen Psaltern und den Shape-Note-Tunebüchern, die schließlich in The Sacred Harp mündeten. Durch vergleichende Analysen von Notation, Repertoire und Solmisation wird nachgezeichnet, wie europäische Traditionen überliefert, angepasst und in Nordamerika neu geformt wurden. Methodisch verbindet die Dissertation Archivrecherche, musikalische Analyse und digitale Geisteswissenschaften. Untersucht werden rund 38 Shape-Note-Tunebücher sowie europäische und frühamerikanische Quellen, um Netzwerke kultureller und musikalischer Übertragungsprozesse sichtbar zu machen. Ein weiterer Bestandteil des Projekts ist die Entwicklung eines digitalen Archivs von Manuskripten
und Tunebüchern, das es ermöglicht, Veränderungen in Repertoire, Notation und materieller Dokumentation über Regionen und Jahrhunderte hinweg zu vergleichen. Durch die Rekonstruktion des Repertoires, der Notation und der stilistischen Entwicklung dieser prägenden Phase zeigt die Studie, wie die Shape-Note-Tradition die Hymnodie zu einer unverkennbar amerikanischen musikalischen Sprache formte. Damit eröffnet sie neue Perspektiven auf die Notationsgeschichte, transatlantische Kirchengesangstraditionen und die kulturelle Dynamik musikalischer Literalität.